Alex Capus: Léon und Louise

81c+M9LhfZLLéon und Luise ist nicht das gewöhnliche Liebespaar aus den romantischen Hollywood-Filmen, die sich nach unendlich langer Suche zusammenfinden oder die sich auf ersten Blick verlieben und großen Hochzeit organisieren, um das zukommende gemeinsame Leben zu feiern.

Léon und Luise ist ein Liebespaar, das für zertrenntes Leben bestimmt ist. In dem ganzen Roman ist es nur ein Bruchteil, der die gemeinsam verbrachte Momente beschreibt. Sie sind durch Krieg, Blut, Bombardements, Deutschen, Familie, Kinder, und Gesellschaft zertrennt.

Der Erzähler ist der Enkel von Léon und beschreibt die Geschichte so, wie Léon für ihm erzählen konnte. Wir kennen die Lückengeschichten von Louise nicht, wir wissen nur, was Léon wissen konnte. Léon ist der Sohn eines Gymnasiallehrers, der in dem ersten Weltkrieg aus Faulheit und Protest gegen die schulischen Verpflichtungen und väterliche Strenge in einem kleinen Dorf als Telegraphist zu arbeiten anfängt. Hier trifft er das einzigartige Mädchen, Louise.

Über der Herkunft von Louise wissen wir nicht viel. Sie ist auch mit der Arbeitskraftverteilung während der ersten Weltkrieg in das kleine Dorf gekommen, über ihre Vergangenheit hat sie mit niemanden gesprochen. Sie arbeitet für den Bürgermeister und mit der Zeit nimmt die Aufgabe über, die Trauernachrichten für den Verwandten über gefallene Soldaten auszutragen. Sie erledigt diese Aufgabe mit einer besonderen Empathie, so dass die Dorfbewohner sie als Heilige oder Engel sehen. Louise versucht diese Tendenz damit abwälzen, dass sie zu rauchen anfängt, und Schimpfwörter dazulernt. Sie nimmt eine phlegmatische Grundhaltung auf, die sie durch den ganzen Roman kennzeichnet.

Léon und Louise treffen sich, langsam – auf ihrer eigenen Art – verlieben sich und würden ihre Beziehung laufen lassen. Aber der letzte Bombenangriff der erste Weltkrieg stellt dazwischen: sie werden durch ihre Verwundungen getrennt und müssen ein neues Leben ohne einander anfangen.

Léon zieht nach Paris um und wird ein Angestellter der Polizei, findet eine anständige Frau und lebt ein gewöhnliches Leben mit seinem ersten Sohn und der Frau, die an ganz gewöhnlichen Stimmungsschwankungen leidet.

„Er war zu einem Mann von einiger Lebenserfahrung herangewachsen, und nach fünf Jahren Ehe war ihm bekannt, dass die Seele einer Frau auf geheimnisvolle Weise in Verbindung steht mit den Wanderungen der Gestirne, dem Wechselspiel der Gezeiten und den Zyklen ihres weiblichen Körpers, möglicherweise auch mit unterirdischen Vulkanströmen, den Flugbahnen der Zugvögel und dem Fahrplan der französischen Staatsbahnen, eventuell sogar mit den Förderquoten auf den Ölfeldern von Baku, den Herzfrequenzen der Kolibris am Amazonas und den Gesängen der Pottwale unter dem Packeis der Antarktis.“

In dieser Lebenssituation findet er wieder Louise, die sogar nicht weit weg von ihm arbeitet – schon seit Jahren. Er will den Kontakt nicht wiederaufnehmen, aber seine Frau – Yvonne – organisiert ein Treff zwischen den Beiden. Sie verbringen einen Tag zusammen am Ozean – so wie damals, und versprechen sich, einander nicht wieder zu suchen, da es nur zu familiären Dramen führen kann.

Die Familie von Léon wächst und so langsam wird er auch älter. Die Zeit der zweite Weltkrieg kommt, Paris wird von den deutschen Truppen eingenommen, die Polizei ist gezwungen, für die Nazis zu arbeiten, es gibt ein Mangel an Lebensmitteln, Heizung und Kleidungen.

… und Louise meldet sich aus der Ferne. Sie schreibt unendliche Briefe an Léon, schreibt ihre Gedanken und Gefühle, die während der langen Jahren zusammengekommen sind, sie schreibt die Gefühle der Gegenwart und Vergangenheit. Sie ist mit einem Goldtransport von der Banque de France nach Afrika geschickt worden, kann kein Post empfangen und behütet ein großes Staatsgeheimnis – nämlich, dass sie auf Tonnen von französischen Gold aufpassen muss.

Ob sie nach dem zweiten Krieg, die sie wieder getrennt hat, erneut einander treffen können und sich für das Zusammenleben übergeben können, wird nur in den letzten paar Seiten des Romans kurz beschrieben. Der Roman thematisiert nämlich nicht das glückliches Zusammenlebens von Léon und Louise, sondern das prädestinierte immer wieder Aufeinandertreffen, das erlebnisvolle Warten und die Freude des Wiedersehens.

Der Stil von Alex Capus ist hinreißend. Er schreibt in langen Gliedersätzen, die sogar ganzen Absätze ausfüllen. Die Logik der Sätze ist gut verfolgbar, der Leser kommt trotz lange Sätze nicht durcheinander und fragt sich, was der Autor am Anfang der Seite sagen wollte. Er redet locker, erzählt, wie Léon vor seinem Tod für den Enkel erzählen konnte. Er stellt keine Fragen, beschreibt nur das Schicksal seiner Figuren so, wie es ist. Weil an der Schicksal nichts zu ändern ist – denkt nur an das Beispiel von Léon und Louise.

BUCHCOVER (Alex Capus: Léon und Louise) Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München, 2012
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